Richterlein
- Jessi Lui

- 29. Aug. 2020
- 3 Min. Lesezeit
Richterlein
“Jetzt also Niedersachsen.”, dachte Jessica, während sie auf ihr Handy starrte. Lui lag neben ihr im Bett. Er schlief noch. Es war Samstag Morgen um 6:30 Uhr. Jessica war wach. Sie würde gleich zu ihrem Seminar fahren. Prostitution war ja noch immer in Hamburg Coronabedingt verboten, also blieb Zeit, sich fortzubilden. Am besten in einem Seminar bei einer erfahrenen Kollegin. Überheblich sollte man in diesem Bereich des Sexgeschäfts niemals sein, und es gab immer wieder neues zu lernen und sich auszutauschen. In diesem Seminar ging es darum, die Psyche eines Menschen noch besser zu verstehen. Gerade Menschen in Stress und Notsituationen neigten zu unberechenbaren Handlungen. Wenn man sie unter Druck setzte, und nicht wusste, was man tat, konnte das böse Folgen haben.
Sie schmunzelte bei dem Gedanken, dass man der “kleinen Jessi” den Spitznamen Mafiadomina gegeben hatte. Das Problem war, dass viele Leute nicht zwischen einer Domina und beispielsweise einer Bizzarlady unterscheiden konnten. Selbst die Dominas unterschieden sich zwischen berührbar und unberührbar. Aber es gab noch viele viele weitere Unterschiede.
Was war sie?
Sie hob die Bettdecke und stieg aus dem Bett. Lui neben ihr rührte sich nicht. Jessica ging leise ins Bad, um sich zunächst nach einem Klogang die Zähne zu putzen. Noch knapp 2 Stunden, bis sie los musste. Im Haus war noch alles still. Wer kam auch auf die Idee, am Samstag um 6:15 aufzuwachen, wenn Frau um 10 Uhr einen Termin in der Stadt hatte.
Sie musste Grinsen. “Stadt”. Jeder Harburger hätte sie schief angesehen.
“Stadt” war das Phönixcenter, die Lüneburger Straße, die Arcaden, aber doch nicht die Mönckebergstraße oder die Alster. Sie lebte schließlich in Harburg und nicht in Hamburg. Harburg hatte sein Rebellentum behalten, seit es 1937 mit Hamburg zwangsfusioniert wurde. Lui war hier hergezogen, typisch Rebell, und es hatte sie zu ihm in den Rebellenstadtteil gezogen, der noch heute auf seine Unabhängigkeit pochte.
Der kleine Rebell würde weiter schlafen.
Jessica ging in die Küche. Sie warf einen Blick auf den Käfig, in dem Freya schlief. Auch für sie war es noch zu früh. In der Woche arbeitete sie an einer Tankstelle und an diesem Wochenende hatte sie mal frei. Sonst war es Freya, die ihr den Kaffee ans Bett brachte. Heute war das anders. Jessica nahm ein Schälchen aus dem Schrank und füllte dieses mit Milch aus dem Kühlschrank. Dieses stellte sie vor eine kleine Öffnung im Käfig, durch das gerade die Hand passte. Sie betrachtete sie mit einem Schmunzeln. Alles im Haus war still. Sie griff nach ihrem Handy, was Freya am Abend zuvor an dem ihr befohlenen Platz zum Aufladen eingesteckt hatte.
Eine Twitternachricht einer Bekannten. Besser gesagt war es ein Retweet. “Gericht in Lüneburg kippt Bordell-Verbot in Niedersachsen! Diese weitgehenden Einschränkungen der Sexarbeit seien nicht verhältnismäßig. Zieht Hamburg jetzt nach? Schließlich wollte sich die Hansestadt an den Nachbarländern orientieren.”
Ein Strom von Lust überkam sie. Am liebsten hätte sie Lui geweckt. Am Liebsten hätte sie jetzt ihre Lust und ihre Freude ausgelebt. Aber der war todmüde. Er hatte ihr zwar gesagt: “Bitte weck mich, wenn ich was für Dich tun kann”, aber Jessica hatte ihm angesehen, wie dringend er den Schlaf benötigte. Sie blickte zu Saskia. Sie sah so süß in ihrem Käfig aus. Auch sie vermochte die Herrin nicht zu wecken. Sie ging in die Knie und fasste in das Loch im Käfig. Sie berührte ihre Haut und streichelte darüber. Saskia öffnete die Augen. “Herrin, darf ich etwas für Dich tun?” “Ja, schlaf weiter. Sag Lui nachher, dass ich ihn liebe. Mach ihm seine “Delenda est Carthago”- Tasse mit einem Spritzer Milch und einem Stück Zucker.” “Herrin, er nimmt nie Zucker.” “Ich weiß, und seine Widerstandstasse würdest Du ihm sonst auch nicht geben, das weiß ich, aber ein Richter in Lüneburg hat das Verbot (der Prostitution in Coronazeiten- Anmerkung) gekippt, und vielleicht zieht Hamburg mit. Es muss ja so handeln wie die Nachbarländer!”
“Das wäre großartig!” “So, und jetzt mach die Augen zu und schlaf! Ich würde jetzt zwar so gerne mit Dir spielen, ich kann aber nicht. Ich muss duschen und dann los.”
“Meine Herrin entsagt sich etwas? Das ist nicht gut.”
“Ich bekomme heute etwas geschenkt, und dafür muss man manchmal etwas anderes sein lassen. Wenn Hamburg nachzieht, sind es zwei Geschenke. Danke Richterlein.” Freya sah sie fragend an. Jessica hob die Hände: “Ich habe da ausnahmsweise keine Aktien dran.”
Trotzdem musste sie grinsen.

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